
Im vergangenen Monat hatte ich zu Hause ein durchgehendes Lazarett. Immer war eines meiner Kinder krank, es hatte den Anschein als ob es im Kreis geht. Um ehrlich zu sein, ich hatte einen regelrechten Lagerkoller.
Umso mehr genoss ich den heutigen Tag. Großtochter wurde mittags von meinem Schwiegerengel vom Kindergarten abgeholt und da das Wetter halbwegs angenehm war, beschloss ich mit Kleinbaby in die (Wiener) Innenstadt zu fahren.
Flanieren, spazieren... eventuell die Wirtschaft etwas ankurbeln. ;o)
Um neun war ich schon dort und stellte erstaunt fest, dass die Geschäfte in der Stadt erst um zehn Uhr öffnen. Eine Stunde galt es also totzuschlagen und da ich mich in der Nähe des Starbucks auf der Kärntnerstraße befand, beschloss ich mir einen Caramel Macciato zu genehmigen.
Groß war die Freude, als ich mir einen bequemen Platz ergattern konnte. Als der angenehme karamellige Duft des Kaffees in meine Nase stieg und ich mich entspannt meiner Zeitung widmen wollte, wachte mein Kleinbaby auf. Hungrig wie ein Wolf.
Ich stille mein Kind. Ich halte viel von der natürlich verpackten Babynahrung. Sie ist praktisch immer zur Stelle,wohl temperiert und in der vom Baby benötigten Menge vorhanden. Und - was ich am Besten finde - ich brauche das Milchbröselzeugs nicht mit mir herumschleppen, wenn ich mal unterwegs bin.
Also ran mit dem hungrigen Kind an die mütterliche Brust. Kleinbaby trank gerade mal zwei Minuten, da hörte ich schon meine Tischnachbarinnen miteinander reden.
"Also wirklich, das ist ja widerlich. Packt da mitten im Kaffeehaus ihre Brüste (sie verwendete das nicht so nette T-Wort) aus."
"Ja wirklich. Es ist echt abartig, ein so großes Kind noch zu stillen" (Kleinbaby ist sieben Monate alt)
Ehrlich, im ersten Moment war ich sprachlos.
(Ich muss dazu noch anmerken, dass ich in der Lage bin sehr diskret zu stillen. Man sieht fast nichts - es sei denn man bemüht sich sehr einen Blick zu erhaschen.)
Wie kann es widerlich, ja sogar abartig, sein ein Kind zu stillen? Nachdem sich mein Erstaunen etwas gelegt hatte, wurde ich fürchterlich böse. Das konnte ich einfach nicht auf sich beruhen lasssen.
Zuerst ließ ich meine Kleine in Ruhe fertig trinken, atmete tief durch, trank meinen Kaffee, zog mich und mein Kind an und dann wandte ich mich meinen gaffenden Tischnachbarn zu.
"Wissen Sie, eigentlich sind Sie beide abartig. Ín der heutigen Gesellschaft wird es als völlig normal angesehen, wenn halbnackte Frauenkörper für ein Produkt werben oder in einem Musikvideo tanzen. Aber wenn ein Baby die von der Natur vorgesehene Nahrung zu sich nimmt, ist das abartig und widerlich? Irgendwas stimmt für mich an dem Bild nicht und darum stille ich wann und wo ich will. Wenn es Sie stört, steht es Ihnen frei einfach wegzusehen."
Dann drehte ich mich um und ließ die beiden netten Damen einfach stehen bzw. sitzen.
Trotzdem nagt dieses Erlebnis an mir. Dass mir das in unserer aufgeklärten Zeit passieren musste, finde ich sehr bedenklich.
Also, ihr stillenden Mütter. Schämt euch nicht. Stillt wann immer und wo auch immer ihr wollt. Vielleicht lernen die uninformierten Menschen dann auch endlich mal wegzusehen und gewöhnen sich an unsere abartigen Fütterpraktiken.
LG
die grantlerin